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Einführung in die Korpuslinguistik

Sprache und Gesellschaft

Ohne Gesellschaft gibt es keine Sprache – und ohne Sprache keine Gesellschaft: Erst durch die Interaktion mit anderen Menschen entwickelt sich ein kommunikatives Bedürfnis. Dieses führt zu Symbolsystemen, z. B. sprachlichen Zeichen […]. Durch die laufende Verwendung dieser Zeichen erhalten sie bestimmte Bedeutungen. Wir werden in diese Welt der Zeichenverwendung hineinsozialisiert und lernen dadurch, welche Effekte mit bestimmten Zeichen erzielt werden können. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass sprachliches Handeln überhaupt erst Gesellschaft hervorbringt […]. Aus konstruktivistischer Sicht ist klar, dass routinisiertes Handeln zu gesellschaftlichen Institutionen führt: Durch (sprachliche) Routinen wie Halten von Vorlesungen, Durchführen von Prüfungen oder Diskutieren über Wissenschaft bestätigen wir die Institution Universität immer wieder neu. (Studienbuch Linguistik: 562)

Sprache, Denken, Wirklichkeit

Sprachtheorie
Realistische SprachtheorienWirklichkeitbildet sich ab imDenkenkonventionalisiert sich inSprache
Konstruktivistische SprachtheorienSprachebeeinflusstDenkenprägt die Wahrnehmung vonWirklichkeit

Korpuslinguistik

Korpus

"Ein Korpus ist eine Sammlung schriftlicher oder gesprochener Äußerungen. Die Daten des Korpus sind typischerweise 

  • digitalisiert, d.h. auf Rechnern gespeichert und maschinenlesbar. 

Die Bestandteile des Korpus, die Texte, 

  • bestehen aus den Daten selbst 
  • sowie möglicherweise Metadaten, die diese Daten beschreiben, 
  • und aus linguistischen Annotationen, die diesen Daten zugeordnet sind."

Lemnitzer/Zinsmeister (2006:7)

Korpuslinguistik

"Als Korpuslinguistik bezeichnet man die Beschreibung von Äußerungen 

  • natürlicher Sprachen, 
  • ihrer Elemente und Strukturen, 
  • und die darauf aufbauende Theoriebildung 
  • auf der Grundlage von Analysen authentischer Texte, die in Korpora zusammengefasst sind. 

Korpuslinguistik ist eine wissenschaftliche Disziplin, d.h. sie muss wissenschaftlichen Prinzipien folgen und wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Korpusbasierte Sprachbeschreibung kann verschiedenen Zwecken dienen, zum Beispiel dem Fremdsprachunterricht, der Sprachdokumentation, der Lexikographie oder der maschinellen Sprachverarbeitung bzw. Computerlinguistik."

Lemnitzer/Zinsmeister (2006:9)

Korpuspragmatik

Pragmatik: Sprechen ist Handeln:

  • John Austin (1979): How to do thinks with words.
  • John Searle (1986): Speech Acts.
  • Weiterentwicklung: Linguistic turn, pragmatische Wende

Korpuspragmatik

  • Sprachliche Oberfläche enthält Spuren von sprachlichem Handeln
  • sprachliches Handeln erfolgt musterhaft (Praxistheorie, Praktiken – Andreas Reckwitz 2003, Angelika Linke / Deppermann et al. 2016)
  • gesellschaftliche Diskurse schlagen sich an der sprachlichen Oberfläche nieder (Foucault, linguistische Diskursanalyse)

Sprachliche Muster

  • Quantitative Methoden um sprachliche Muster zu identifizieren: Korpuslinguistik
  • Muster können als Regularitäten oder Gebrauchsnormen gedeutet werden: Grammatik, sprachliche Variation etc.
  • Oder: Kultur- und sozialwissenschaftlich interessierte Linguistik: Muster werden mit kulturellen oder sozialen Phänomenen in Zusammenhang gebracht
    • als Symptome für diese Phänomene
    • als diese Phänomene (mit-)konstituierend

→ Das ist: Korpuspragmatik

(vgl. Feilke 1996, Bubenhofer 2009 etc.)

Empirismus

Prinzip

RationalismusEmpirismus
Erkenntnisse werden durch vernunftgeleitete Urteile gewonnen.Alles Wissen wird durch Beobachtung gewonnen.

Methoden

  • Beobachtung
  • Experiment
  • Fragebogen
  • Datenanalyse (Primärdaten)

Korpuslinguistik auf allen Ebenen

MorphemLexemPhrasemTextDiskurs
OrthographieGenitivform: „Tisch(e)s“genderneurales Schreiben: Ärzt*innen etc.Interpunktion in Instant Messaging, Integration EmojisAutorschaftsidentifikation: Drohbriefanalysegemässigte kleinschreibung
Grammatik-itis-Suffix für Neologismen, Tempusformen Anglizismen (gedownloaded)Dativ statt Genitiv? wegen des/demtun-Periphrase: Sagen kann man's schon, nur schreiben tut man's seltenStilistik (narrative vs. explikative Texte)Aktiv- und Passivkonstruktionen im Klimakrisen-Diskurs
Semantikkleinste sem. MorphemeLexikalischer Wandel in der ZEIT (und weitere Analysen in OWID plus)Korpusbasiertes Referenzinventar von Sprichwörtern und Sprüchen im DeutschenAlbisgüetli-Reden der SVP im Wandel der ZeitPolitisierung in rechtspopulistischen Medien: Wortschatzanalyse und Word Embeddings
PragmatikWie Neurechte ihre Schimpfwörter machen 1: Schimpfwortbildung durch abgewandelte Schreibungen und EndungenSemantische Äquivalenz in Geburtserzählungen: Anwendung von Word EmbeddingsMasken und Küsschen: Korpuslinguistische Exploration des Corona-Diskurses in der DeutschschweizWie kurz ist eine Ansichtskarte?Diskurslatenz: Korpuspragmatische Analysen zu HIV/AIDS in der Ära der Post-Infektiosität

Literatur

Bubenhofer, Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster. Korpuslinguistik als Methode der Diskurs- und Kulturanalyse. (= Sprache und Wissen 4). Berlin, New York: de Gruyter.

Bubenhofer, Noah (2021): Masken und Küsschen: Korpuslinguistische Exploration des Corona-Diskurses in der Deutschschweiz. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 68(2), S. 127–140.

Bubenhofer, Noah/Krasselt, Julia/Prinz, Michael/Kato, Hiloko (2025): Studienbuch Linguistik Band 1: Gegenwartssprache. 1. Auflage. Berlin: De Gruyter. https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111516172/html

Deppermann, Arnulf/Feilke, Helmuth/Linke, Angelika (2016): Sprachliche und kommunikative Praktiken: Eine Annäherung aus linguistischer Sicht. In: Deppermann, Arnulf/Feilke, Helmuth/Linke, Angelika (Hg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin, Boston: De Gruyter. S. 1–24. doi:10.1515/9783110451542-002.

Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2000): Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Fischer.

Lemnitzer, Lothar/Zinsmeister, Heike (2006): Korpuslinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Narr.

Reckwitz, Andreas (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken / Basic Elements of a Theory of Social Practices: Eine sozialtheoretische Perspektive / A Perspective in Social Theory. In: Zeitschrift für Soziologie 32 (4), S. 282–301. doi:10.1515/zfsoz-2003-0401.